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"Zeche is nich", Blick 7: Die Anden des Ruhrgebiets

Anna Wahle, die Regisseurin von Anna Wahle, die Regisseurin von "Die Anden des Ruhrgebiets"

Anna Wahle, die Regisseurin von "Die Anden des Ruhrgebiets"

Zur Eröffnung der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 feierte der Episodenfilm "Zeche is nich - Sieben Blicke auf das Ruhrgebiet" seine Premiere beim Kulturfest für alle. Am 9. und 10. Januar 2010 wurde dieses von der MADE IN GERMANY Filmproduktion betreute "Kleine ZDF-Fernsehspiel" mehrmals auf dem Gelände des Welterbe Zollverein gezeigt. Im letzten Teil unserer Serie berichtet Regisseurin Anna Wahle exklusiv über ihre Erfahrungen in der Metropole Ruhr beim Dreh des Kurzfilms "Die Anden des Ruhrgebiets".

Anna Wahle wurde 1981 in Köln geboren und realisierte ihre ersten Kurzfilme als aktives Mitglied des Kölner Filmhaus. Nach dem Abitur absolvierte sie Praktika bei Film und Fernsehen und ein Volontariat bei RISIKO, bevor sie ab 2002 Regie an der ifs internationalen filmschule köln studierte. Dem folgte bis 2008 ein Masterstudium an der HKG Zürich / ecal Lausanne.
Zurzeit lebt Anna Wahle in Köln und arbeitet als selbstständige Autorin und Regisseurin mit dem Schwerpunkt künstlerischer Dokumentarfilm. Außerdem gibt sie Filmworkshops und war bereits mehrmaliger Gast bei der Duisburger Filmwoche.

Die Anden des Ruhrgebiets
Regie: Anna Wahle

Beate Pracht hat dem Stress entsagt. Sie kündigte ihren Job und eröffnete in Gelsenkirchen eine Lama-Farm. Jetzt bietet sie Lama-Wanderungen an - auf dem Abraumberg, den ihr Bergarbeiter-Opa aufgetragen hat. Die Andentiere werden zu therapeutischen Medien für Senioren, Menschen mit Behinderungen und Manager einsetzt.
Beate Prachts Geschichte ist nicht nur die einer Frau, die sich nicht unterkriegen lässt, sondern auch eine Geschichte des Strukturwandels in Gelsenkirchen und damit eine Geschichte des Wandels der Arbeit überhaupt.
Ihre Erfahrungen bei den Dreharbeiten am Originalschauplatz auf der Abraumhalde der Gelsenkirchener Zeche Hugo beschreibt Anna Wahle als "wie in einer anderen Welt".  
  

Making-Of-Bilder zu "Die Anden des Ruhrgebiets", Regie: Anna Wahle

 
 

      

Personal Essay von Anna Wahle: Von Frauen und Trümmern im Ruhrgebiet

"Bei der Dokumentarfilminitiative habe ich eine interessante Zusammenstellung von 100 Dokumentarfilmen über das Ruhrgebiet entdeckt. Diese Liste liest sich wie eine spannende Zeitreise durch eine von Krisen und Katastrophen geprägte Region - immer aber stehen Menschen im Vordergrund, Einzelschicksale, Lokalkolorit.

In den Arbeiterfilmen der 70er Jahre, wo von Lohntütenbällen erzählt wird, von Streik, von unglücklichen Arbeiterfrauen, zerstörten Siedlungen, schweren Arbeitsbedingungen im Bergbau und Naturzerstörung, entsteht ein "deserto rosso"-Szenario, eine Landschaft ganz geprägt von der Wuchtigkeit der riesigen Fabriken und ihren spuckenden Schornsteinschloten. Aber auch von Arbeiterromantik.

In den Filmen der 80er und 90er Jahre beginnt der Wandel. Es werden Immigrantengeschichten erzählt, und dann von den ersten Schliessungen der verhassten und geliebten Werke, vom Strukturwandel bis hin zur Eröffnung des CentrO, was eine neue Konsumära symbolisiert, gleichzeitig das nahende Ende des Kohleabbaus einläutet.

In den Filmen der späten 90er Jahre und dem beginnenden Jahrtausend ist von "Kultur statt Kohle" die Rede, werden leer stehende Zechen zu Museen, wird der Wandel verarbeitet, wird reflektiert über das, was passiert ist - auch in Filmen, die zurückblicken und von Abschied und Identitätsverlust sprechen, von Fussball, der vielleicht noch ein bisschen Identität bieten kann. Schliesslich richtet sich der filmische Blick auf das Private, in die Familie.

Die Filme des neuen Jahrtausends erzählen von Abnehmversuchen und Singletanzkursen. Willkommen in der Konsumgesellschaft des 21. Jahrhunderts, auf dem Ball der einsamen Herzen!

Die Auflistung der Filme endet 2002. Was gibt es jetzt zu erzählen? Sicher vieles. Ich möchte bei der Arbeit ansetzen. Genau da, wo der Filmreigen aufhört von Arbeit zu erzählen, weil der Ruhrpott kein Pott mehr ist, sondern Dienstleistungsgesellschaft, weil der vielgenannte Strukturwandel vollzogen ist, mit Kollateralschäden und Folgen, die sich jetzt an den Zahlen der Arbeitslosen zeigen. Jetzt, gerade jetzt, möchte ich anfangen, von Arbeit zu erzählen, und wie sie im Jahr 2009 in ein Leben hineinwirkt.

Was bedeutet der Strukturwandel konkret im Ruhrgebiet?
Die Statistiken des RVR (Regionalverband Ruhr) helfen mir mit Zahlen weiter. Ich "lese" Arbeitslosen- und Erwerbstätigenstatistiken und Innovationskonzepte. An einem Absatz bleibe ich hängen: "Die wirtschaftliche Entwicklung verändert vor allen Dingen das Leben der Frauen." Und etwas weiter: "Von der Bergarbeiterfrau zur Unternehmerin".

Eine Industrielandschaft wird zur Dienstleistungslandschaft und Bergarbeiterfrauen werden Dienstleisterinnen. Müssen, wollen arbeiten, um die Existenz zu sichern. Das finde ich spannend. Es erinnert mich vage an das Bild der starken Trümmerfrauen. Auch, wenn das vielleicht ein weit hergeholter Vergleich ist.

Ich bin also nach Gelsenkirchen gegangen, die Stadt mit der höchsten Arbeitslosenrate und habe mich auf die Suche nach selbständigen Frauen gemacht. Es gibt davon mehr, als man denkt. Zu sehen ist nun Frau Pracht, die mit ihrer Geschäftidee den Vogel abgeschossen hat. 
Sie hat sich fünf Lamas angeschafft, hat den Abraumberg der Zeche Hugo umbenannt in die "Anden des Ruhrgebiets", bietet da jetzt Lamaseminare zum Entspannen und Genießen an und schlägt sich damit durch.

Das ist nicht immer einfach, auch wenn auf den ersten Blick alles gut ist. Bei näherem Hingucken merkt man schon, dass es nicht mit einer Idee getan ist. Die Manager wollen nicht so recht zu den Burnout-Seminaren. Das scheint noch nicht mit Golfen mithalten zu können. Dafür hat Frau Pracht aber Senioren, Menschen mit geistiger Behinderung und selbständige Frauen auf ihren Wanderungen. Und bastelt ständig an neuen zielgruppenorientierten Angeboten. Sie findet, es sollten noch mehr Leute so mutig sein, es mache sich bezahlt.

Vielleicht geht es ja doch bergauf - für Frau Pracht und für das Ruhrgebiet."